Brüssel hat in den letzten 200 Jahren immer wieder turbulente Veränderungen auf sich genommen. Bis die Stadt auf eigenen Füßen stehen durfte, wurde sie von fremden Weltmächten dirigiert und beeinflusst. Spuren aus Österreich und Spanien, Frankreich und den Niederlanden sind heute noch ablesbar. Jeder durfte sich eine zeitlang hier austoben. Brüssels eigene Identität hingegen blieb eingesperrt in den Vorstellungen seiner Bürger. Nach der belgischen Revolution 1830 wurde sie dann endlich frei gelassen, aber sie war nicht überlebensfähig, da unterentwickelt. Ein Kind, das man aussetzt und ihm sagt ‚lauf, du bist frei‘. Ihm wurde nicht einmal der aufrechte Gang beigebracht.
Im Lauf der Jahrzehnte kamen und gingen Könige, Statthalter und Verwalter, die ihre eigenen Ideen und Vorstellungen verwirklicht sehen wollten. Planung und Überlegung waren bei der Umsetzung zweitrangig. Ganze Viertel wurden abgerissen, um der Phantasie Raum zu verschaffen. Dabei waren sie immer auf der Suche, der Stadt einen Namen, einen Charakter, eine Identität aufzudrücken. Bei allen Projekten aber waren ihr nur die zukunftsweisende Richtung eigen. Größer, weiter, schneller … Prächtig, protzig, einzigartig in der Welt – die Regierung Brüssels hat nie gekleckert, wenn es darum ging, das Image zu fördern bzw. ihr eigenes Image. Solange das Interesse bestand und die Gelder vorhanden waren, konnte man den Visionen beim Wachsen zusehen. Wechselte die Regierung, standen halbfertige Konzepte im Graben, wurden liegen gelassen und vergessen oder überbaut. Projekte wie Leopolds II Größenwahn, die Verlegung der Senne in den Untergrund, die Zugverbindungstrasse zwischen dem Nord- und Südbahnhof, die Vorbereitungen zur Expo 58′, die Visionen eines europäischen Manhattans, die Entstehung des bürokratischen EU-Viertels,… trugen zum heutigen Bild Brüssels bei. Eine stetig andauernde Laune von Bauwut und Zerstörung fegte in regelmäßigen Abständen durch die Stadt. Seit den 1970er Jahren wurde diese willkürliche Zerstörung und fehlerhafte Stadtplanung unter einem Begriff zusammengefasst: Bruxellisation.
Es gab mehrere Möglichkeiten. Die Brüsseler aber haben immer jene Methode angewendet, die der Stadt den größten Schaden zugefügt hat. Warum war Brüssel stets offen für jeden Wahnsinn der Modernität? Die Stadt hat alle Erschütterungen der Modernität zu spüren bekommen. Ohne Sicherheitsnetz und ohne Filter. (François Schuiten, Brüsseler Comiczeichner)
Als man schlussendlich bemerkte, dass die Bauherren vor keinem Denkmal und keinem geschichtlichen Erbgut zurück schreckten, sie ohne ethisches und moralisches Gewissen abrissen und wie ein Orkan zerstörten, bangte die Bevölkerung um ihren historischen Stadtkern. Dieser wird nun als „Ilot sacré“ – heilige Insel aus allen künftigen Projekten heraus gehalten, sie wurde als Tabuzone für die ungewisse Zukunft deklariert.
Aber es gibt sie noch, die unberührten Flecken Erde, verschonte Baudenkmäler und Gassen. Die Abrissbirne hat viel Grau und Verdruss gebracht, dazwischen aber findet man sie noch, die vielen kleinen Inseln geprägt aus zwanglosem Leben und etwas Künstlerbohème, in allen Vierteln verstreut. Wenn es dem Besucher gelingt, den Weg zu finden zu all dem was herzlich, tolerant und ehrlich ist, findet er noch eine dieser alten europäischen Stadtkulturen, wo die Satire zuhause ist und den Klassenkampf ersetzt hat. Eine solide Identität hat das alles nicht. Aber könnte für den Menschen etwas bedrückender sein, als einer solchen Erwartung gehorchen zu müssen?